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Die Abrechnung

Michael und Ulrike Dansauer
Freitag, 13. Februar 2009

Die Abrechnung – Ein ehemaliger BKA-Kommissar packt aus
Michael von Wedel / Jürgen Kremb
Herbig Verlag
München 2008
Hardcover
Mit Abbildungen, einem Anhang (von Wedels Briefe an Bundesinnenminister Schäuble und Bundespräsident Köhler) und einem Abkürzungsverzeichnis
318 Seiten
€ 19, 95
ISBN: 978-3-7766-2571-4

„Ich habe in 29 Berufsjahren vielleicht 150 bis 200 Straftäter festgenommen und vor Gericht gebracht. Ich habe nie die Waffe benutzt, mit einer Ausnahme nie jemanden geschlagen, mich keiner faulen Tricks bedient und immer auch die Unschuld ermittelt. Heute weiß ich, dass ein ehrlicher Mensch keine Zukunft beim BKA (Bundeskriminalamt, Anm. d. Rezensenten) hat. Als Ermittler muss man selbst ein ‚Dreckschwein’ sein. Wer ständig mit Drogenhändlern zu tun hat, kann kein Edlemann bleiben. Jetzt, auf der untersten Schwelle der Existenz, lerne ich die Arroganz der Macht kennen. Eine Arroganz, die ich selbst nie benutzt habe.“

Dieses aussagekräftige Zitat von Autor Michael von Wedel, das als Klappentext des Buches Verwendung findet, umreißt das Lebensdrama eines Kommissars des BKA und veranschaulicht drastisch, was mit Menschen passiert, die Machtintrigen und Vertuschungspolitik zum Opfer fallen. Michael von Wedel, ehemaliger Kommissar des BKA, der erfolgreich z.B. in Sachen Drogen und Terrorismus ermittelt hat, gibt einige sehr schockierende Einblicke in die Welt des BKA, die nach Lektüre des Buches an der Rechtsstaatlichkeit Deutschlands und der Kompetenz gerade der BKA-Führungsriege ernste Zweifel aufkommen lassen. Michael von Wedel wurde vom BKA wegen Bagatellen (z.B. Anrufe auf dem Diensthandy im Ausland, um sich nach dem Zustand seiner Freundin zu erkundigen, die einen Selbstmordversuch begangen hat) suspendiert und seine Pension als Beamter aberkannt, sodass er jetzt von Hartz IV leben muss. Gleichzeitig darf der einschlägige Terrorverdächtige und Finanzier für islamistischen Terror Reda Seyam, dessen Fall von Wedel übernommen hatte, ganz unverblümt fragen, ob er sein Kind „Dschihad“ nennen darf. Wenn das keine bittere Ironie ist und gleichzeitig deutlich macht, wie inkompetent und subjektiv Fälle anscheinend bearbeitet werden…

Das Buch beschreibt von Wedels Werdegang im BKA und die Tendenz der Vorgesetzten, alles Lob, dass eigentlich ihre sich in Lebensgefahr befindende Mitarbeiter verdient hätten, selbst einzustreichen, dafür aber alles, was schief läuft, auf ihre Untergebenen abzuwälzen, eigene Fehler zu vertuschen und Ermittlungen gegebenenfalls zu behindern. Es beschreibt auch die Rivalitäten und Eifersüchteleien zwischen dem BKA und dem BND (Bundesnachrichtendienst), wo eigentlich Zusammenarbeit dringend erforderlich gewesen wäre. Zudem scheinen die ‚Schreibtischbeamten’ keine Ahnung von dem, was ihre Kollegen im Außendienst tun und leisten müssen und außerdem keine Ahnung von den Zielländern, in die die Außendienstler geschickt werden, zu haben, sodass sich die Probleme und die Fragen nach dem, was man tun darf und was nicht, vor Ort türmen.

Schockierend ist das Buch auch deshalb, weil fast jeder Deutsche selbst schon einmal Opfer von Machtpolitik bzw. Mobbing gewesen ist bzw. Fälle hierzu mitbekommen hat. Ich persönlich (U. Dansauer) kann mich noch sehr gut an die schon an Sadismus grenzende Willkür erinnern, mit der saarländische Referendare für den Schuldienst an Gymnasien und Gesamtschulen ausgebildet werden. Auch von Wedels Feststellung, dass zukünftige Beamte an der Realität vorbei unterrichtet werden, ist mir nicht fremd, da zu meiner Zeit Studierende des Lehramtstudiums im Saarland eigentlich nur „Abfallprodukte“ (wenn auch welche, die ca. 80-90% der Studierenden gerade der Geisteswissenschaften ausmachten) waren, weil man sich v.a. Magister und Doktoren heranziehen wollte und dementsprechend Lehrämter mit dem Stoff für Magister voll gestopft wurden, aber kaum Relevantes für ihren eigenen Studiengang finden konnten.

Auffällig der Plauderton, der in dem Buch angeschlagen wird und nicht so ganz zum Ernst der Situation passen will. Erklären könnte diesen Ton, dass von Wedel seine Geschichte auf Bänder gesprochen hat, die die Grundlage zu dem vorliegenden Buch bilden.

Fazit: Äußerst interessante und empfehlenswerte Lektüre, die Einblicke in die Abgründe der so genannten deutschen Rechtsstaatlichkeit vermittelt!

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